Vom Schöpfungsmythos zur Aufklärungsideologie – zur Kritik des Geist-Natur-Dualismus und zu seinen Erscheinungsformen
Ein Vortrag von Michael Sommer und Susann Witt-Stahl
In Karl Marx’ berühmtem Diktum, dass es nicht das Bewusstsein der Menschen ist, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt, ist die Quintessenz der Geschichtsauffassung des dialektischen Materialismus zusammengefasst. Diese besteht in der Annahme, dass es einen spezifischen Vermittlungszusammenhang zwischen Natur-, Gesellschafts- und Denkformen gibt, an dessen Nachvollzug die Erkenntnis dieser Formen gebunden ist. Dieser Zusammenhang ist gesellschaftliche Arbeit. Indem Marx mit dem Kapital erstmalig eine Darstellung gesellschaftlicher Arbeit in ihrer historisch besonderen Durchsetzungsform in der kapitalistischen Gesellschaft lieferte, legte er den Grund für das Begreifen dieser Gesellschaft und der sie auszeichnenden Mythologien und Ideologien.
In demselben Maß wie der innere Zusammenhang zwischen Natur-, Gesellschafts- und Denkformen nicht erfasst und damit das Gesellschaftliche entweder in Natur oder in Denken aufgelöst wird, wird der Gegensatz von Geist und Natur (oder auch von Schöpfer und Schöpfung) erzeugt. Seine Erscheinungsweise ist dabei bestimmt durch die Art, in der der innere Zusammenhang verfehlt wird. So tritt der Gegensatz von Geist und Natur – die ideologische Matrix der warenproduzierenden Gesellschaft – auf in Dualismen wie „Kapitalismus oder Barbarei“ (für das Wort Kapitalismus wird auch gern die Chiffre „Fortschritt“ oder „(westliche) Zivilisation“ verwendet) und „Unterwerfung und Inwertnahme der Tiere oder Regression in die erste Natur“. Und sie gipfelt nicht selten in aberwitzig-grotesken Parolen wie „Fleischkonsum oder Antisemitismus“ – oder gar in der Absegnung von Imperialismus, Kulturchauvinismus und massenhaften Menschen- und Tiermord: „Aus […] unmenschlichen Verhältnissen befreiten die imperialistischen Briten die Inder – wobei die Befreiung Massenmord war –, aber es existiert seither das Wissen, wenn auch immer noch nicht die Praxis, dass die Kuh im Magen des Menschen zu landen habe“ (Bahamas). Wer sich dem ‚Pest-oder-Cholera’-Prinzip, das die Subordination unter die falschen herrschenden Verhältnisse einklagt, entwinden will, wird zum „Freiwild“ und „Verräter“ an der Zivilisation erklärt.
Seit einigen Jahren ist es in sich selbst für „kritisch“ und „radikal emanzipatorisch“ ausgerichtet haltenden Kreisen en vogue, die Kritische Theorie, wie Robert Kurz es ausdrückt, auf das „apologetische Denken der Aufklärungsideologie zurückzustutzen“ – die Dialektik der Aufklärung wird zu einer bedingungslosen Affirmation totaler Naturbeherrschung entstellt.
In Gegensatz zu dieser dumpfen Fortschrittsideologie war das kritisch theoretische Denken der Frankfurter Schule von der Erkenntnis geprägt, dass die Barbarei „in das Prinzip der Zivilisation selbst eingeschrieben ist“ (Adorno). Es beruhte auf der Kritik blinder, naturverfallener Naturbeherrschung, die „in der Tradition der Ausbeutung und der Quälerei an Tieren ihren allersinnfälligsten und fasslichsten Ausdruck“ findet (Adorno) und auch die brutale Herrschaft des Menschen über den Menschen gezeitigt hat.
Unser Vortrag ist nicht nur als Protest gegen die Verstümmelung der Marxschen wie der Kritischen Theorie zu starren antidialektischen, invaliden Denkschemata zu verstehen, die letztlich wieder in eine „Hypostase des Geistes als des schlechterdings Ersten und schlechterdings Tragenden“ (Adorno) münden. Er soll nicht nur als energischer Einspruch gegen ihre heteronome Vereinnahmung als antikritische Rechtfertigungsideologien für den Kapitalismus und die ihn implizierende Ausbeutung und Vernichtung von Tieren und Natur aufgefasst werden. Sondern unser Vortrag soll als Aufruf zur Abkehr von pseudoemanzipatorischen, reaktionären Strömungen und zur Wiederaufnahme des revolutionären Kampfes für eine wahrhaft befreite Gesellschaft als Voraussetzung und Konsequenz der Beendigung des Krieges der Menschen gegen die Tiere und der Versöhnung von Mensch und Natur verstanden werden.